
In der heutigen Zeit erleben wir eine sprachliche Entwicklung, die für manche von uns kaum erträglich ist. Der inflationäre Gebrauch des Wortes “tatsächlich” hat sich zu einer regelrechten Seuche entwickelt.
Dieses Phänomen fiel mir besonders auf, als ich kürzlich zehn Minuten lang Stern TV schaute. Während dieser kurzen Zeitspanne unterhielten sich der Moderator und zwei Gäste, und alle drei benutzten in nahezu jedem Satz das Wort “tatsächlich”. Es war, als ob sie eine Konversation führten, die hauptsächlich aus “tatsächlich” bestand.
Dieser übermäßige Gebrauch des Wortes hat eine merkwürdige Wirkung auf mich. Wenn ich mich mit jemandem unterhalte und derjenige als jedes fünfte Wort “tatsächlich” benutzt, bekomme ich Kopfschmerzen und verliere jegliches Interesse an dem Gespräch. Es ist, als ob diese Menschen einen Hickauf im Gehirn hätten, der sie dazu zwingt, dieses Wort ständig zu wiederholen. Es vermittelt den Eindruck, dass sie sich als besonders klug oder wichtig darstellen wollen, dabei jedoch nur als unangenehme Klugscheißer und Wichtigtuer erscheinen. Sie verwenden dieses Wort im Kontext von ‘wirklich’, um ihren Aussagen mehr Gewicht bzw. Glaubwürdigkeit zu verleihen. Warum? Warum muss man ausdrücklich betonen, dass das Gesagte wahr ist?
Beispiel: ‘Das ist tatsächlich eine sehr schöne Aussicht.’ Eine schöne Aussicht ist eine schöne Aussicht, auch ohne dieses leidige Adjektiv. Warum muss man jeden zweiten Satz mit sinnfreien und völlig unnötigen Füllwörtern aufbauschen?
Noch schlimmer wird es, wenn diese “tatsächlich”-Junkies ihr zweites Lieblingswort ins Spiel bringen: “toll”.
Alles ist nur noch “toll”, dabei gibt es so viele Attribute, um auszudrücken, dass man etwas schön findet, mag oder schätzt.Man sieht zb ein schönes Foto auf Instagram und wenn man dann in die Kommentare schaut dann bestehen diese zu 80% lediglich aus dem Wort “toll”.
Beide Wörter haben ursprünglich eine negative Bedeutung. “Tatsächlich” wird oft verwendet, um Überraschung oder Skepsis auszudrücken, und “toll” hat seine Wurzeln im Althochdeutschen “toll”, was “verrückt” oder “töricht” bedeutet.
Hier ein paar Beispiele in denen dieses Wort in seinem entsprechenden Kontext benutzt wird.
1. In “Effi Briest” von Theodor Fontane bezeichnet Effis Ehemann ihren Freund Crampas als “toll” wegen seiner riskanten Abenteuerlust.
2. In “Die Leiden des jungen Werthers” von Johann Wolfgang von Goethe beschreibt Werther seine obsessive Liebe zu Lotte als “toll” und selbstzerstörerisch.
3. In “Der Steppenwolf” von Hermann Hesse bezeichnet sich der Protagonist Harry Haller selbst als “toll” aufgrund seiner inneren Konflikte und seinem Gefühl der Entfremdung von der Gesellschaft.
4. In “Der Process” von Franz Kafka beschreibt der Protagonist Josef K. die absurden Anschuldigungen und das undurchsichtige Verfahren als “toll”.
5. In “Berlin Alexanderplatz” von Alfred Döblin beschreibt der Erzähler die chaotische und verwirrende Atmosphäre der Großstadt Berlin als “toll” und beängstigend.
Menschen, die diese Wörter inflationär benutzen, scheinen dies entweder nicht zu wissen oder ignorieren es bewusst.Die permanente Wiederholung dieser Wörter wirkt wie ein schleichendes Gift in unseren Gesprächen.
Sie entwerten die Sprache und reduzieren die Vielfalt der Ausdrucksmöglichkeiten.
Ich finde es sehr schade, dass die Menschen sich in ihrer Kommunikation selbst so sehr be- und einschränken.
Ein Gespräch, das hauptsächlich aus “tatsächlich” und “toll” besteht, ist langweilig und uninspirierend. Es fehlt die Tiefe und Substanz, die ein gutes Gespräch ausmacht.
Es ist an der Zeit, dass wir uns bewusst mit unserer Sprachwahl auseinandersetzen und uns bemühen, präziser und abwechslungsreicher zu sprechen.
Anstatt uns auf wenige, ständig wiederholte Wörter zu verlassen, sollten wir unseren Wortschatz erweitern und bewusster einsetzen. Nur so können wir sicherstellen, dass unsere Gespräche wieder interessanter und gehaltvoller werden.
In diesem Sinne: Lassen wir das “tatsächlich” und “toll” hinter uns und bereichern unsere Sprache mit Mannigfaltigkeit und Tiefe.

You must be logged in to post a comment.