
Früher war die Leipziger Buchmesse für mich ein Fest. Ein Ort der Entdeckungen, der Vielfalt, der echten Literatur. Heute? Kaum noch wiederzuerkennen. Wenn ich mir auf Instagram die Beiträge der teilnehmenden Verlage und Händler ansehe, bekomme ich Krämpfe – und das ist nicht übertrieben.
Denn was ich da sehe, ist keine Literatur mehr. Es ist ein Farbschnitt-Karneval aus Romance, Dark Romance, Light-Dark-Angst-Romance und was weiß ich noch für Unterkategorien von immer demselben Einheitsbrei. Früher hießen diese Geschichten schlicht Arztroman oder Groschenheft – und genau da gehörten sie auch hin: an den Bahnhofskiosk, 1,50 Euro das Stück, nach einer Stunde vergessen. Heute kommen sie im Hochglanz-Cover daher, mit Goldprägung, Farbschnitt und fancy Edition, die dann für 22,90 Euro im Regal von selbsternannten Bookfluencern landet. Sammlerstücke, keine Bücher mehr. Dekoration fürs Bücherregal, nicht Futter für Herz und Hirn.
Was mich daran so wütend macht? Dass wunderbare Romane – literarisch anspruchsvoll, klug erzählt, bewegend – in dieser Farbschmelze untergehen. Geschichten mit Substanz haben keine Chance gegen das Glitzern dieser Massenware. Die Messe ist kein Ort der Literatur mehr, sondern ein Jahrmarkt der Oberflächlichkeiten geworden. Es geht nicht mehr um das, was ein Buch sagt, sondern nur noch darum, wie es aussieht.
Noch absurder wird es, wenn man sieht, wie sich mittlerweile ganze Heerscharen von jungen Mädchen daran machen, ihre Romance-Pampe, komplett KI-generiert, unters Volk zu bringen – oft ohne jeden literarischen Hintergrund, ohne Herzblut, ohne Stilgefühl. Und sie verdienen sich damit dumm und dämlich. Währenddessen kämpfen echte Autorinnen und Autoren ums Überleben. Diejenigen, die schreiben, um etwas zu sagen, die sich Zeit nehmen, um Welten zu erschaffen, Figuren zu formen, Sprache zu leben – sie gehen gnadenlos unter in dieser Konsumschwemme.
Manchmal habe ich das Gefühl, das ist kein Zufall. Vielleicht soll es genau so sein. Die Menschen sollen nicht mehr fühlen, nicht mehr denken, nicht mehr spüren. Sie sollen konsumieren. Und zwar schnell, massenhaft, unkritisch. Echtes Nachdenken über Inhalte? Nicht erwünscht.
Es fühlt sich an wie eine Bücherverbrennung der Neuzeit – nur dass diesmal nicht die Flammen lodern, sondern der Glanz von Farbschnitt und Glitzerfolie alles verschlingt, was einst Bedeutung hatte.
Neulich sah ich auf Instagram, wie eine dieser „Autorinnen“ – die Romance-Pampe im Akkord produziert – in einem Reel stolz die Community auslacht. Stolz darauf, dass man auch als Selfpublisher mit seelenlosem KI-Geschwurbel die Bestsellerlisten stürmen kann. Kein Funken Scham, kein Bewusstsein dafür, was echte Literatur bedeutet. Hauptsache, es verkauft sich. Währenddessen blättere ich durch den Shop von BOD und finde dort leise, kluge, tiefgründige Romane mit Herz – und sehe, wie sie sang- und klanglos untergehen. Kein Farbschnitt, kein Coverblender, keine TikTok-Choreografie dazu. Nur echte Geschichten. Und genau die will heute kaum noch jemand sehen. Weil sie nicht laut genug sind. Weil sie verlangen, dass man liest, nicht nur konsumiert.
So verliert nicht nur die Buchmesse ihren Reiz für mich – sondern auch die Bücher selbst ihren Wert. Denn wenn alles nur noch nach Glanz schreit und nichts mehr nach Gehalt klingt, bleibt am Ende nichts als Leere im schön eingerichteten Bücherzimmer.
Und wenn dann diese sogenannten „Bookies“ stolz verkünden, sie hätten an einem Wochenende fünf Bücher dieses Genres verschlungen, ist das für mich in etwa so, als würde jemand damit angeben, fünfmal Zuckerwatte gegessen zu haben – klebrig, aber ohne Gehalt, dafür mit Karies-Garantie.

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